Homevideo

Cybermobbing-Planspiel

Jakob (15 Jahre alt) ist ein ganz nomaler Junge, er spielt Gitarre, fährt gerne Fahrrad und arbeitet gerne mit seiner Videokamera. Und er ist in der Pubertät, verliebt in Hannah. Da drängen sich sexuelle Regungen auf, die nicht immer so leicht zu beherrschen sind. Und das wird ihm zum Verhängnis, denn er filmt sich selbst beim Onanieren. Das wäre nicht so schlimm, wenn die Mutter die Kamera nicht an Erik verleihen würde, der zusammen mit Henry den Clip entdeckt.

In „Homevideo“, von Can Fischer nach dem Drehbuch von Jan Braren für die Bühne eingerichtet, wird die Dynamik des Cybermobbing vorgeführt. Ein Anstoß reicht, die Opfer und Täter gemeinsam in den Strudel reißen, Drohung, Erpressung, den Film ins Netz setzen, kurz: die totale Demütigung, die am Ende Jakob keinen anderen Ausweg als den Selbstmord lässt. Erschreckend darüber hinaus ist die Kommunikationslosigkeit, die zwischen dem Jungen und den Eltern herrscht, die in der Trennung begriffen, mehr mit sich selbst beschäftigt sind. Diese Vorgänge werden in der Inszenierung von Mia Constantine am Jungen Theater Regensburg sensibel herausgearbeitet. Dass das Ensemble gemeinsam ein von der Jugendschutzstelle ausgearbeitetes Cybermobbing-Planspiel gemacht hat, spürt man in jedem Moment dieser Aufführung. Insbesondere Marcel Klein führt als Jakob mit großer Intensität die Verwandlung eines normalen Jungen, mit dem sich weite Teil des Publikums identifizieren können, in das ohnmächtige Opfer vor, das über die Scham bis hin zur totalen Verletztheit alle emotionalen Schattierungen zeigt. Sein Gegenspieler, Henry, den Stephan Hirschpointner voll aasig anlegt, ein cooler Typ, der Macht über andere ausüben möchte. Franziska Plüschke als Hannah versucht mit zarten Gesten Jakob zu helfen. Sie führt dabei vor, wie Ratlosigkeit in Resignation umschlägt. Die Eltern werden von Frerk Brockmeyer und Silke Heise anfangs sehr hysterisch angelegt. Sie finden dann im Laufe des Spiels zu sehr genauen Gesten ihrer Hilflosigkeit.

Auch das Bühnenbild von Michael Lindner setzt das Zimmer des Jakob in das Zentrum der Bühne, ein Kasten, der nach hinten transparent ist und während des Spiels, wenn die Situationen für den Jungen immer bedrohlicher werden, immer weiter nach vorne geschoben wird und ihm den Handlungsraum immer weiter beschneidet. Links von diesem Kasten steht ein Sofa für den Raum der Eltern, rechts ist das Zimmer von Hannah, auf und vor dem Kasten sind Plätze im Freien. Auch durch diese klug ausgeleuchteten Spielorte entsteht eine Dynamik, die in ihrer Rasanz der des Mobbing entspricht und eine starke emotionale Wirkung erzeugt. Sicher hängt diese auch damit zusammen, dass es Mia Constantine gelungen ist, ein starkes neunköpfiges Ensemble zusammen zu bringen, dass sich aus den Mitgliedern des Jungen Theaters Regensburg, des großen Hauses, Jugendclub und gecasteten Jugendlichen zusammensetzt. Eine starke Inszenierung, die während der Bayerischen Theatertage, die noch bis zum 10. Juni in Regensburg stattfinden, herauskam. Die deutsche Bühne, 31.05.2016

Zart

Eins plus eins gleich drei
Can Fischers »Zart« auf der Charlottenburger Loftbühne

Sie konnten nicht ohne einander sein, sagt der Freund über seine alten Großeltern, die fast gleichzeitig starben. Und damit assoziiert er anderes in seinem Kopf. Denn er ist selbst gefangen in einem Beziehungsnetz. Die Inszenierung »Zart«, die ihre Uraufführung auf der Loftbühne der Schauspielschule Charlottenburg erlebte, erzählt von dieser Vernetzung, in die drei junge Menschen geraten sind. Autor Can Fischer erfand die Geschichte von zwei Jungen, die sich auf dem Lande an einem See in langen verregneten Ferien langweilen. Die Zeit schleppt sich dahin. Die Welt scheint in Ordnung. Ist sie aber nicht. Denn beide Jungen haben sich in dasselbe Mädchen verliebt. Das indes will sich gar nicht für einen entscheiden. Das Mädchen will beide. Die Zeit der sich aufblähenden Lügen hat längst begonnen. Im Bühnenbild von Oskar Bigalke, das den Steg am See symbolisiert, gibt es eine durchsichtige Folienwand, die schon zu Beginn erahnen lässt, dass in der Freundschaftsbeziehung zwischen den Jungen etwas nicht mehr so ganz durchlässig ist. Dieses Erahnen ist typisch für das Stück. Ist es auch wortintensiv, wird doch nicht alles gesagt. Es bleibt viel Raum für eigene Gedanken, die sich aus persönlichen Lebenserfahrungen ergeben, die jeder so mit ins Theater bringt. Liebesbeziehungen sind nicht vergleichbar, lassen sich nicht in ein Muster pressen. Die Aussage ist in dem Stück eindeutig. Regisseur Holger Müller-Brandes, sonst eher bekannt für anspruchsvolle Musiktheaterinszenierungen, bringt das auf den Punkt. Das einstündige Stück ist dicht inszeniert, verzichtet auf jegliche Komik. Tragik indes lässt sich erkennen. Auch seelischer Schmerz, den junge Menschen mit der ersten Liebe an der Liebe entdecken und ihn sehr schwernehmen. Klar, dennoch auf das Nötigste an Information gebracht, verfolgt Müller-Brandes die Lebenswege der drei Figuren. Auch nach einem Zeitsprung, nach dem alle drei wieder aufeinander treffen, scheint Glück nicht durch. Das bleibt dem Zuschauer verborgen. Nicht verborgen bleibt, dass ihre Bande bei aller räumlichen Entfernung zwischendurch nicht tatsächlich gerissen waren. »Geheimnisse, die man für sich behalten kann, das ist Liebe«, hatte das Mädchen anfangs gesagt. Da ist es, das Zarte, das dann letztlich doch immer nur zwei etwas angeht. Reicht die Liebe der jungen Frau dann noch für ein Kind? Die drei Schauspieler – Ann-Kathrin Czymoch, Nelson Gellrich (Der Junge), Philipp Myk (Der Freund) – sind nicht nur sprachlich, sondern auch körperlich gefordert und schonen sich nicht. Zumindest ist das bei den Rollen der Männer so inszeniert, die bei allem Gerangel durchaus homoerotische Momente unter Heranwachsenden andeuten. Alle drei Schauspieler sind ständig im Raum. Um wen es gerade vordergründig nicht geht, der tritt ins Dunkel. Aber er ist unweigerlich immer dabei. Darum geht’s. Neues Deutschland, 06.11.2015

Traumfabrik

»Traumfabrik« – ein Stück über die Filmpioniere Mia und Joe May aus Berlin. Einen Rechercheberg muss Simone Kucher zusammengetragen haben – um sich dann konsequent von 99 Prozent des Erfahrenen wieder zu trennen. Nur so konnte sie das Wesentliche für ihr Stück »Traumfabrik« herausarbeiten, das unter der Regie von Holger Müller-Brandes seine Uraufführung in der Brotfabrik erlebte. (…) »Traumfabrik« schildert das Leben der beiden Mays und ihrer Tochter Eva. Die Autorin geht nicht chronologisch vor. Sie springt in der Zeit, um die Schicksale thematisch zu ordnen. Ausdrucksstark, mit körperlicher Nähe und dicht am Publikum wird das gespielt von Can Fischer (Joe), Nolundi Tschudi (Mia) und Susanne Scholl (Eva) – choreografisch im Miteinander sehr gut, im Solistischen mitunter abgehoben. In der Ausstattung von Lars Reimers – er schuf zwei einsehbare Rückzugsräume – agiert Christian Bormann als Erzähler und nutzt für Musik einen alten Plattenschrank. Vom Erzähler kommen Filminhalte, die die Aussagen der stets aufgewühlten Mays hintergründig stützen. Viel Wissen um Filmgeschichte um den heutigen Weißenseer Caligariplatz ist in der mit Herz inszenierten Hommage an die Filmpioniere aufgehoben. Allerdings ist »Traumfabrik« kein Stück, bei dem das Publikum am Ende begeistert aufspringt. Dazu ist es zu bewegend, bringt Nachdenklichkeit und auch etwas Beschämendes mit sich. Darüber, dass heute bei Filmgeschichte der Blick nach Hollywood flitzt, statt etwas in Weißensee zu verweilen. (…) Neues Deutschland, 28.11.2014

(…) Auf der Bühne stehen zwei semi-transparente Boxen und ein Piano. Zu sehen gibt es eine inszenierte Erzählung. Sie beginnt in einer rauschenden Nacht. Billy Wilder kassiert drei Oscars für „Sunset Boulevard“, während Joe May zum Eckensteher auf der Oscarparty degradiert wird. Seine Zeit ist abgelaufen. Von Einsicht befreit, träumt der Pionier von einem neuen Anfang in Hollywood. Die „Industrie“ hat aber kein Interesse.Can Fischer spielt den Visionär May mit rattenscharfen Koteletten. Mit der Energie eines Träumers und der unfreiwilligen Zweisprachigkeit des Emigranten bestürmt er einen imaginären Geldgeber. Er „geht die Liste der Bedeutenden durch“. Er ist ein Überzeugungstäter par excellence. Verliebt ins Gelingen. Mays Maximen lauten: Jede Sensation muss von der Handlung beglaubigt werden. Bringe ich eine reiche Frau ins Spiel, dann hat sie unglücklich zu sein, sonst wird das Publikum zu neidisch.“Traumfabrik“ fegt durch eine Biografie, plötzlich ist May wieder jung und gefragt. Überlegen sagt er zu Mia: „Sobald es regnet, kriegen die Leute schlechte Laune.“ Er reißt der Gattin „das Blau vom Himmel“. Er lebt in seinen Ideen. Noch flüchtet er nicht aus der Realität, vielmehr verändert er die Wirklichkeit, zuerst mit „In der Tiefe des Schachts“ (1913). Es folgen 113 Produktionen.Nolundi Tschudi spielt die Kongeniale. Mia stand schon auf der Bühne, als der Wiener Industriellensohn Julius Mandl seiner Verwandlung in Joe May noch entgegensah. Mia initiiert die Entpuppung. Souverän folgt sie dem Lauf eines Sternendaseins. Tochter Eva steigt mit auf. Sie begeht Selbstmord in ihren frühen Zwanzigern, nach sechs Ehen in fünf Jahren. Susanne Scholl spielt sie mit dem Temperament einer expressiv Verzweifelten. (Der Expressionismus dreht gerade seine Runde.) Sie ist älter als ihre Mutter in der Gestalt von Nolundi Tschudi. Man erkennt in den ausgeprägten Zügen gleichwohl die Bitterkeit eines Kindes, das in die Berufswelt der Eltern gezogen wird.Die „Traumfabrik“ hat zudem einen Erzähler, Christian Bormann verkörpert ihn so, dass man ihn manchmal mit Joe May verwechselt. Das Stück schießt Vor- und Rückblenden. Nachrichten aus dem Laufstall der Bilder beschleunigen ihre Sprecher. Die Bilder lernen laufen, das Kino kommt in Gang. Die Helden hasten durch die „Traumfabrik“. (…) Das erzählt „Traumfabrik“ in einem tollen Spiel. der Freitag online, 27.11.2014

Homevideo

„(…) Bleierne Schwere drückt auf das Gemüt, und es liegt nicht nur an dem düsteren Kubus des Baden-Badener Theaters im Kulissenhaus, der die Zuschauer für eine lange Stunde gefangen hält. Was heißt da Zuschauer? Hineingezogen, verstrickt ist er in das Desaster, das sich vor seinen Augen authentisch quälend und zäh abspielt.

Die Uraufführung „Homevideo“ von Can Fischer, basierend auf dem Drehbuch von Jan Barens zum gleichnamigen, preisgekrönten Fernsehfilm von 2011, zeichnet die Realität des digitalen Zeitalters, thematisiert Cybermobbing und zerrt an den Nerven der Zeugen eines erbitterten Ehekriegs (…)

Schlachten/Tanten/Grausamkeiten

„Carolin Soyka und Can Fischer begeistern Publikum im Stück „Schlachten, Tanten, Grausamkeiten“ (…) Mal sehnsuchtsvoll, mal makaber, aber immer mörderisch gut war auch die Darbietung der beiden Schauspieler. Can Fischer überzeugte auf manchmal erschreckende Weise mit wahnsinnigem Blick in der Rolle des Psychopathen und wechselte gekonnt in die eines lächelnden Charmeurs. Ebenso wie seine Partnerin Carolin Soyka, die mal von Sehnsucht verzehrt, mal von Langeweile geplagt und mal von Mordlust übermannt wurde. (…) Diese Spielfreude belohnte das begeisterte Publikum mit lang anhaltendem Applaus. (…)“ Neue Westfälische, 26.03.2013

„(…) Begleitet am Klavier von Christian van den Berg, meisterten Carolin Soyka (Barbara) und Can Fischer (Edgar) ihren Part mit Bravour. Beide fesselten ihr Publikum mit großer schauspielerischer Wandlungsfähigkeit und solider Gesangskultur und sorgten für einen kurzweiligen Liederabend (…)“ Westfalen Blatt, 04.02.2010

„(…) im ausverkauften Opernstudio des Theaters geschlossen und mit tosendem Beifall gefeiert (…) So können sich die Zuschauer ganz auf die fabelhaften Darsteller verlassen. Carolin Soyka und Can Fischer spielen das morbide Paar mit hinreißendem Charme (…) Am Ende dieser atemlos-rasanten Stunde sitzt das Paar, dass einander geküsst und vergiftet, geherzt und gewürgt hat, wieder auf der Parkbank: in Bosheit vereint. Ein bombiger Abend (…)“ Neue Westfälische, 02.10.2010

Winter

„(…) Wiebke Rohloff und Can Fischer geben in einer knappen Stunde die oft schwierige Begegnung zwischen Mann und Frau wieder. Fosses Sprache bedienen sie mit Selbstverständlichkeit und einer Eiseskälte, die dem Titel des Stückes mehr als gerecht wird. Es sind eben jene Wortfetzen und Halbsätze, die den Rahmen dafür bieten, was die beiden Schauspieler hervorragend meistern: Das Unausgesprochene, die Blicke und die Unsicherheit, die oft Teil einer solchen Begegnung sind (…) Diese Begegnung kann zu jeder Zeit an jedem Ort stattfinden, das lässt Regisseur Nico Nothnagel dankenswerter Weise genauso offen, wie das Ende.“ Kurier, Wien, 12.02.2010

„(…) In der Inszenierung von Nico Nothnagel spielen Wiebke Rohloff und Can Fischer in feinsten Nuancen die Annäherung von Frau und Mann (…)“ Neue Westfälische, 18.08.2008

„(…) Bei diesem eher innerhalb der Personen ausgetragenen Drama verzichtet der Regiedebütant Nico Nothnagel weitgehend auf psychologische Herleitung wie auf äußere Requisiten. Vielmehr legt er es den Schauspielern in die Hand, diese besondere Begegnung zwischen Mann und Frau auszugestalten. Und obwohl sich Wiebke Rohloff und Can Fischer noch in der Ausbildung befinden, gelingt ihnen das ganz vorzüglich (…)“ Neues Deutschland, 26.10.2007